Ein Bild mit den Kolleginnen der Ansprechstelle, Sabine Böhlau und Maren Schubert

Sabine Böhlau und Maren Schubert

Fragen von eev aktuell an Sabine Böhlau und Maren Schubert von der Ansprechstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie der Evang.-Luth. Kirche in Bayern

Wie würden Sie die Aufgaben der Ansprechstelle beschreiben?

Bei uns in der Ansprechstelle stehen Betroffene und ihr Leid im Mittelpunkt. Wir stellen uns ihnen solidarisch an die Seite und arbeiten vertraulich. Für andere, denen ein Fall oder Verdacht mutmaßlich sexualisierter Gewalt bekannt geworden ist und sich die Frage nach dem weiteren Vorgehen stellt, ist die Meldestelle (Leitung: Eva-Maria Mensching) zuständig.
Wir von der Ansprechstelle sind zuständig für Beratung zur Klärung von Bedürfnissen und Handlungsoptionen von Betroffenen, also Clearing im engeren Sinne. Die Menschen, die sich bei uns melden, können sich darüber klarwerden: Was will ich? Was brauche ich? Was kann
ich tun? Wir erwarten nicht, dass jemand gleich seine ganze Geschichte erzählt und stellen keine bohrenden Fragen, sondern stellen uns ganz auf die Seite der Betroffenen.
Es ist vollkommen in Ordnung, sich auch erst einmal Grundinformationen einzuholen und sich Zeit zu lassen. Wir übernehmen eine Lotsenfunktion für die Betroffenen. Sie können über das Geschehene sprechen und bestimmen selbst, wann sie was sagen möchten. Wir versuchen, Unterstützung bei der Einordnung des Falls anzubieten: Wie wollen Sie weiter vorgehen? Welchen Weg wollen Sie mit uns zusammen gehen? „Was willst du, dass ich dir tue?“ sagt Jesus.

Jeder Fall ist ein Einzelfall. … Einer zu viel. Wir versuchen, den Betroffenen auch weiterführende Hilfen zu ermöglichen, zum Beispiel bei der Überprüfung, ob ein Fall verjährt ist oder bei unterschiedlichen Fragen des alltäglichen Lebens. Wir sind auch intensiv dabei, Möglichkeiten von Partizipation zu schaffen, zum Beispiel
Betroffene in die Präventionsarbeit einzubeziehen.

Wer ist Ihre „Zielgruppe“? (Wer kann sich an Sie wenden?)

Wir sind da für Menschen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben. Es spielt keine Rolle, ob der Missbrauch erst kürzlich geschehen ist, oder schon Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt. An uns wenden sich Menschen, die als Kinder oder im Erwachsenenalter betroffen waren.
Menschen aus dem Bereich einer Kirchengemeinde oder im Rahmen einer Einrichtung der Diakonie. Es wenden sich Frauen an uns, aber auch Männer.

Seit wann gibt es die Ansprechstelle und über wie viele Mitarbeitende verfügt sie?

Die Ansprechstelle besteht bereits seit 1999. Sie ist in den letzten Jahren auf ein Team von fünf Personen angewachsen, Theolog*innen und Jurist*innen, drei Frauen und zwei Männer.

Welche Unterstützung können Sie leisten?

Die Arbeit der Ansprechstelle besteht in der Begleitung, sowohl seelsorgerlich als auch juristisch, damit Betroffene Klarheit darüber gewinnen, welchen Weg sie gehen wollen. Erfahrungsgemäß ist der Bedarf sehr unterschiedlich. Manche Menschen brauchen nur eine Auskunft, etwa über die richtige Adresse, an die sie sich
mit ihrem Anliegen wenden können. Andere wünschen sich eine längere Begleitung, die auch über Jahre hinweg geleistet werden kann. Unsere Arbeit richtet sich ganz nach den individuellen Bedürfnissen der Menschen, die sich an uns wenden. Elementar wichtig für unsere Arbeit ist die Möglichkeit der Vertraulichkeit der Gespräche. Wir können auch Anonymität wahren, allerdings sind dann unsere Handlungsmöglichkeiten stark begrenzt.
In akuten Phasen können über die Ansprechstelle bis zu sechs Therapiestunden zur Stabilisierung finanziert werden. Auch eine juristische Erstberatung durch externe Strafrechtler*innen zur Klärung rechtlicher Belange kann vermittelt werden.

Wie sind Sie erreichbar?

Telefonisch sind wir für Betroffene jede Woche erreichbar am Montag von 10 bis 11 Uhr und Dienstag von 17 bis 18 Uhr. Die Telefonnummer ist 089 5595 -335. Kontaktaufnahme ist auch möglich über die Emailadresse ansprechstellesg@elkb.de.

Haben sich auch Bewohner*innen von Jugendhilfeeinrichtungen bei Ihnen gemeldet oder deren Bezugspersonen?

Bewohner*innen in Jugendhilfeeinrichtungen und deren Bezugspersonen aus einer diakonischen Einrichtung wenden sich bitte direkt an die Meldestelle der Diakonie bei Viola Gellings (Tel. 0911 9354-442, gellings@diakonie-bayern.de). Andernfalls an Eva-Maria Mensching in der landeskirchlichen Meldestelle (089 5595-342,
meldestelle@elkb.de), gerade auch dann, wenn es um die Meldung eines Verdachtes geht.

Alle kirchlichen und diakonischen Einrichtungen in Bayern müssen bis Januar 2025 ein eigenes Schutzkonzept erstellen. Grundlage hierfür ist das Präventionsgesetz, das im November 2020 verabschiedet wurde. Jede Einrichtung nennt im Schutzkonzept Ansprechpersonen, an die sich Betroffene, auch zum Beispiel Bewohner*innen von Jugendhilfeeinrichtungen vertraulich wenden können. Diese können dann mit uns in der Ansprechstelle Kontakt aufnehmen und wir begleiten die weiteren Schritte.

Das Interview führte Birgit Schumann

Der Originalartikel ist zu finden unter: eev_aktuell_Heft_2022-01.pdf (eev-bayern.de)